“Tische brauchen Beine” von Anna Soucek

2014

Tische brauchen Beine.* Sie haben welche, meist, aber es sind steife, unbewegliche Stecken. Nicht vergleichbar mit den multifunktionalen Unterkörper-Extremitäten, über die wir Menschen verfügen. Diese komplexe Körperkonstruktion aus Sehnen, Muskeln und Knochen, die uns ermöglicht zu gehen, zu hüpfen, zu klettern, zu tanzen und einiges mehr. Tische, aber auch Stühle und Fauteuils, können bestenfalls stabil stehen auf ihren Beinen. Was aber, wenn sie ein Bedürfnis haben sich zu bewegen, oder wenn sie gar wegrennen wollen? Klaus Taschler hat dieses Phantasie-Szenario in bewegte Bilder übersetzt. In seiner 2009 entstandenen Arbeit Stampede gibt er Möbelstücken einen Versuch auszubrechen. Zuerst sind es nur zaghafte Bewegungen, etwa ein kurzes Zucken des Tischbeins. Dann streckt sich der Korpus des Sofas auseinander wie ein Schalentier; ein Sesselbein versucht aus der Enge des Wohnzimmers zu flüchten, in dem es – wie ein in einem Glasgefäß gefangenes Tier – versucht, die Wand raufzuklettern, immer wieder und vergebens. Ein Sofatischchen nimmt Anlauf, bremst kurz vor der Wand ab und scheitert, wie alle anderen von Klaus Taschler animierten Möbelinsekten, an der glatten Wand des Wohnzimmerkäfigs, erschöpft alle viere von sich gestreckt.

Die Vorlagen für die Möbelstücke hat Klaus Taschler einem ungarischen Einrichtungskatalog aus dem Jahr 1958 entnommen. Anders als Möbelkataloge heute, die eingelebte Gemütlichkeit und aufgeräumte Wohnlichkeit inszenieren, sind die Bilder aus dem gefundenen Katalog sonderbar karg und ein wenig gespenstisch. Als wären die Zimmer nie von einem Lebewesen betreten worden. Den ausgeschnittenen Möbelstücken verleiht Taschler auch in Zeichnungen akrobatisches Geschick. Mit schemenhaft gezeichneten Behelfsobjekten formen sich die Möbel mit geknickten Beinen und verdrehten Körpern zu neuartigen Gebilden, zu schrägen Wohnskulpturen, die Lewis Carrolls Wonderland ausstatten könnten.

Zu der mehrteiligen Arbeit Stampede gehört auch ein echter Sessel in Lebensgröße, dessen rechtes Vorderbein zur Wand hin nach vorne gestreckt und dessen linkes Bein im Sesselknie abgewinkelt ist. Ein ähnliches Objekt hat Taschler 2008 gebaut: ein in der Mitte der Tischplatte diagonal geknickter Tisch, der sich wie ein wildes Pferd, aber etwas ungelenk, aufbäumt. Es ist ein trojanisches Tischpferd, das Taschler in das Atelier eines befreundeten Künstlers in der Wiener Wattgasse eingeschleust hat. Zur freundschaftlichen Eroberung des Arbeitsraumes im Rahmen der Ausstellung The Trojan Horses gehörte auch die der Invasion des Tischpferds folgende Aneignung der vorhandenen Arbeiten des Künstlers durch ihre Umbenennung und Betitelung als Klaus Taschlers Kunstwerke. Aufzufinden war ein Brief des Kulturministeriums, fingiert und adressiert an Klaus Taschler, in dem ihm zur Übernahme des Förderateliers gratuliert wird.

Während eines Gastatelieraufenthaltes, eines nicht erfundenen, in Island entstanden Aufnahmen für das Video Kreppa, benannt nach einem Fluss, dessen Name übersetzt »Krise« bedeutet. Taschler war 2010 und 2011 in Island, als der Zusammenbruch der Finanz- und Immobilienmärkte das Land schwächte. Zu sehen Aufnahmen der kargen, unwirtlichen Landschaft um den Kreppa-Fluss. In aller Ruhe beginnen Gegenstände Landschaftsteile zu schweben und das Land zu verlassen. Es ist nicht die im Wind auf der Wäscheleine flatternde Wäsche, die abhebt, sondern der schwere Traktor daneben, sowie massive Felsbrocken, stählerne Abfallmulde. Ein Gabelstapler oder Sitzbänke, die sich aus ihrer Verankerung lösen und der Behäbigkeit eines Heißluftballons gen Himmel fliegen. Und schließlich, man hat es schon geahnt, auch die einzige Brücke über den Krisenfluss Platz.

Eine Reihe von Urlaubspostkarten, die Berg- und zeigen, beginnen in kein Urlaub (2012) zu Ihre verbalen Aussagen sind suggestiv, widersprechen jedoch den Bildmotiven: Sie versagen die Vorstellungen, die Urlaubspostkarten sonst wollen, Gedanken ans Verreisen, an die und an die Badezeit. Klaus Taschler dreht das zwischen gesprochener Botschaft und vermittelter Botschaft auf freundliche – die die sich aus Horizontallinien öffnen, haben nichts Bedrohliches –, jedoch bestimmte Weise um. Widersprüchlichkeit wendet er in einigen Arbeiten die in den letzten Jahren entstanden sind, mit Kommunikationsstrategien im weitesten Sinn und Bezug nehmen auf Geschäftszweige Produktbewerbung, Marketing und Persönlichkeitsentwicklung.

Wir kennen die Werbebilder, die uns das Kaffeetrinken mondänes, elegantes, genußvolles Gesellschaftsereignis sollen. Man sitzt aufgeputzt der Dachterrasse in Manhattan, die Sonne unter, und Hollywoodstars sind auch da. Im Video erklimmt der in und Anzug gekleidete Protagonist mit einer einen Stapel Heuballen, auf der Suche einem würdigen Platz für den bevorstehenden Er rührt im Häferl um, labt sich am Duft des nimmt einen Schluck und spuckt Getränk würgend aus.

Irgendwas passt auch in dem Video “genieße!” nicht Das Verzehren eines Stanitzels Speiseeis verschiedene Protagonisten wird angesichts der Tonebene, geflüsterte Genussaufforderungen »Mango, lebe im Moment!« und »Erdbeere, lächle!«, zu einem vor der Kamera inszenierten Akt der Befehlsausübung. »Die penetrante Wiederholung von sechs Sprüchen lässt die Sätze – die zwischen esoterischer Selbstfindungsliteratur und verkaufsfördernder Werbesprache liegen – zu energischen Befehlen werden. Aus dem simplen Verzehr einer Süßigkeit wird eine außergewöhnliche Tätigkeit, die kein unschuldiges Genießen mehr erlaubt, sondern nur noch der eigenen egoistischen Heilung dient. In einer Gesellschaft, in der das Ich an oberste Stelle getreten ist, verlieren alle Tätigkeiten ihren Wert als Quelle des kultivierten Genusses.«, schreibt Klaus Taschler zu dieser Arbeit.

Eine Heilsversprechung machte Taschler mit seinem Heileeis (2010). Mit einem persischen Kräuterhändler entwickelte er Rezepturen für Eissorten, die Allergien bekämpfen, Krämpfe lösen, die Leber regenerieren und den Appetit anregen sollten. Teemischungen mit auffordernden Bezeichnungen wie »Fühl Dich wohl«, »Schlaf gut« oder »Entspann dich« sind seit Jahren erfolgreich auf dem Markt, warum sollte es also auch nicht Speiseis geben, das auf Basis von Kräutermischungen und kraft der Suggestion die Menschen – ohne Verzicht auf Genuss – gesund macht.

Klaus Taschler schlüpft bei Aktionen wie dieser Performance am Naschmarkt allerdings nicht in die Rolle des Marketingstrategen im Hintergrund, der die Konsumenten an der Nase herumführt. Er schlüpft ins Kostüm des Eisverkäufers, mit Schürze und Mütze, der den Akt des Verkaufens als Kommunikation versteht. Als solcher ist er ehrlich: Er will den Menschen nichts andrehen. Er will nicht aufrütteln und Missstände anprangern mit seiner Kunst. Nicht aggressiv jedenfalls. Es ist eher eine freundschaftliche Eroberung, die stattfindet, wenn er Landschaften sprechen lässt und Tischen Beine macht.

* »Tische brauchen Beine« ist – neben »Fahrräder brauchen Räder« und »Uhren brauchen Zeiger« – Leitspruch einer derzeit in Wien plakatierten Werbekampagne des Samariterbundes mit der Aufforderung zu spenden: »Hilfe braucht Helfer«. Das Plakatsujet zu dem Spruch zeigt einen Tisch, dem ein Bein fehlt.

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